Vito Tongiani

Vito Tongiani kam 1940 in Matteria (Fiume) zur Welt. Die Kriegsjahre verbrachte die Familie in Massa (Toskana), bevor sie nach Rapallo (Ligurien) zog. In den Sechzigerjahren lebte Tongiani in Paris, dann in Turin und später erneut in Paris. Seit vielen Jahren hat er seinen Wohnsitz in Camaiore, wo sich im mittelalterlichen Dorf Nocchi auch seine Künstlerwerkstatt befindet. Schon als kleiner Junge träumte Tongiani davon, Maler zu werden. Auf Drängen der Eltern ging er von der künstlerisch ausgerichteten Oberschule ab und sollte ein Handwerk lernen, um seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Tongiani entschied sich, eine Lehre als Steinmetz in den Marmorbrüchen Massas aufzunehmen. So kam es, dass für Tongiani die Bildhauerei anfangs vor allem zu einem Beruf wurde, der es ihm ermögliche, sich der Malerei zu widmen. Mit zwanzig Jahren begab er sich nach Paris, wo er neun Jahre lang blieb und nebenbei eingehend die dortigen Museen und Sammlungen studierte. Von 1960 bis Ende der Siebzigerjahre stand die Malerei im Zentrum von Tongianis künstlerischem Werk. Zeugnis davon gibt seine in den späten siebziger Jahren entstandene Version des im Louvre ausgestellten letzten Gemäldes Poussins „Apoll und Daphne“. Teil seines Oeuvres aus dieser Zeit sind neben zahlreichen Gemälden, Zeichnungen und Aquarellen auch einige wenige skulpturale Werke, darunter die Nachbildung eines aus verschiedenfarbigem Marmor gefertigten Aquarellfarbkastens, der die Landschaftsmalerei Poussins widerspiegelt. Mit dem Neoklassizismus der Zwanziger- und Dreißigerjahre setzte sich Tongiani in der lebensgroßen Marmorplastik „Meine Frau träumt“ auseinander, mit welcher er 1981 an der Skulpturtriennale in Carrara sowie 1982 an der Ausstellung „Der Maler und sein Modell“ in der Galerie Karl Flinker in Paris teilnahm. Vollends in den Mittelpunkt seiner Tätigkeit rückte die Bildhauerei durch ein Zusammenwirken mit Martial Raysse, um im Jahre 1986 anlässlich des zweitausendjährigen Gründungsjubiläums der Stadt Nîmes ein bronzenes Brunnenkrokodil zu erschaffen. Größere internationale Bekanntheit erlangte Tongiani schließlich mit den Bronzefiguren der sogenannten „Vier Musketiere“, den vier Altmeistern des französischen Tennisspiels, und mit einer Bronzewand des Konterfeis Suzanne Lenglens für das Pariser Tenniszentrum Roland Garros. Hier fand Tongiani zu seiner ganz eigenen Spielart des „Klassischen“ und stellte jene Fähigkeit zur unverstellten Wirklichkeitsbetrachtung unter Beweis, die sein malerisches Werk bis in die Achtzigerjahre hinein kennzeichnet. Nebenbei entstanden für private Sammler Skulpturen wie „La palude“ (Der Sumpf), „Il diluvio“ (Die große Flut), „Il ponte del diavolo“ (Die Teufelsbrücke) oder „Il sognatore“ (Der Träumer) und kleinere Formate wie „Il temporale“ (Das Gewitter), „La notte“ (Die Nacht), „Il lamento della giovane capretta“ (Die Klage der jungen Geiß) oder „Il pittore e la modella“ (Der Maler und sein Modell), wenn auch die Denkmalskulptur den eigentlichen Schwerpunkt seiner Arbeit bildete: 1994 gestaltet er die heute weithin bekannte Skulptur Giacomo Puccini in Lucca, 1998 den Brunnen mit dem Triumph der Aphrodite in Massa, 2004 im benachbarten Cinquale das Mahnmal der Gotenstellung, 2005 das Denkmal für Indro Montanelli in Mailand und schließlich im Jahr 2013 die Bronzebüste von Steno Marcegaglia in Gazoldo degli Ippoliti. Tongianis bildhauerisches Schaffen wurde darüber hinaus durch seine Teilnahme an der Biennale von Venedig in den Jahren 1982 und 1995 dokumentiert. Auf letzterer war er mit den Gipsmodellen seiner vier Pariser Tennisspieler vertreten ist. Dem malerischen Werk Vito Tongianis wurden seit 1972 zahlreiche Einzelausstellungen gewidmet, unter anderem in Turin, Mailand, Bologna, Florenz, Rom, Brüssel und Paris. Im Jahr 1994 fand im Palazzo Ducale in Massa eine Retrospektive seines malerischen Oeuvres unter dem Titel „Il peso degli oggetti“ (Das Gewicht der Dinge) statt. Arbeiten von Vito Tongiani waren auch im Rahmen zahlreicher Gruppenausstellungen zu sehen, unter anderem 1976 in der Ausstellung „Nouvelle subjectivité“ des Festival d’Automne in Paris sowie 1979 im Palais des Beaux-Arts in Brüssel. 1993 gehörte Tongiani zum Kreis der „Artisti italiani per l’Europa“, denen im Museum der Stadt Metz eine Ausstellung gewidmet wurde, sowie in der von Artcurial kuratierten Schau „De Chirico und die postmetaphysischen Folgen“. 1996 war Tongiani in der Ausstellung „Die Kraft der Bilder“ im MartinGropius-Bau in Berlin vertreten sowie in einer Retrospektive zur italienischen Malerei von 1960 bis 1980 im Museum für moderne Kunst in Osaka. Plastische Arbeiten Tongianis waren 1998 im Rahmen der Wanderausstellung „Il tempo del marmo quello del bronzo“ (Zeit des Marmors, Zeit der Bronze) des Museo del Marmo in Carrara zu sehen, mit weiteren Stationen im Willy-BrandtHaus in Berlin und im historischen Rathaus von Neuchâtel, sowie als Teil der Schau „Anime Apuane“, die in Wien, Prag, Grasse und Carrara gastierte. Tongianis Bilder, die er der marokkanischen Stadt Mogador-Essaouira gewidmet hat, wo er seit längerem mehrere Monate im Jahr arbeitet, wurden 2016 im Gran Teatro Giacomo Puccini in Torre del Lago, 2017 in Arabat sowie 2018 in Essaouira, Marrakesch und in Sevilla der Öffentlichkeit präsentiert. 2023 fand unter dem Titel „Vito Tongiani. Malgrado tutto il futuro sarà nostro” (Vito Tongiani. Trotz allem wird die Zukunft uns gehören.) im Palazzo Mediceo der Stadt Seravezza eine retrospektive Gesamtschau zu Vito Tongianis künstlerischen Schaffen statt.